- Klaus Hollinetz, JAM Red.
- JAM 71, JAM-Magazin
~ Warum der 1. August mehr ist als nur ein weiterer Sommertag ~
Wenn du am 1. August mit deinem Halstuch durch die Stadt gehst, wirst du vielleicht neugierig angeschaut – oder sogar gefragt, ob du auf dem Weg zu einer Theaterprobe bist. Doch dieses einfache Stück Stoff ist viel mehr als ein Accessoire: Es ist ein Zeichen, ein Statement, ein Farb-Bekenntnis.
Am „World Scout Scarf Day“ zeigen Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf der ganzen Welt:
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Ja, ich bin Teil dieser Bewegung.
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Ja, ich glaube an Frieden, Verantwortung und Zusammenhalt.
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Ja, ich trage diese Werte sichtbar – und mit Stolz.
Gerade heute, wo Nationalismen wieder auf dem Vormarsch sind, Hass in sozialen Medien wuchert und Kriege Menschen auseinanderreißen, braucht es junge Menschen, die Farbe bekennen – für Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit.
Von Anfang an eine Friedensbewegung
Leider muss man immer wieder erleben, dass die Pfadfinderbewegung von Außenstehenden mit problematischen Bildern verknüpft wird. Umso wichtiger ist es – auch wenn es auf den ersten Blick etwas nach „Pfadi-Nostalgie“ klingt –, sich 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus mit den eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen. Wer unsere Geschichte kennt, versteht, warum wir heute sichtbar für Frieden, Vielfalt und Verantwortung einstehen müssen.
Die Pfadfinderbewegung war von Anfang an kein Abenteuerspielplatz für Nationalisten, sondern das genaue Gegenteil. Schon bei der Gründung 1907 war das Ziel klar:
- Junge Menschen sollen unabhängig von Herkunft, Religion oder Nation zu verantwortungsbewussten, friedliebenden
- Menschen erzogen werden.
- Miteinander statt gegeneinander.
- Natur erleben statt Ideologien indoktrinieren.
Das Pfadfindergesetz verankert bis heute Werte wie Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit und vor allem: Respekt – gegenüber der Natur, dem Nächsten, sich selbst. Es war – und ist – eine Antwort auf Militarismus, Ausgrenzung und Gewalt.
Und in Österreich?
Auch hier begann die Bewegung früh: 1910 gründeten sich die ersten Gruppen in Wien, schnell folgten viele weitere. Eine zentrale Figur war beispielsweise der Wiener Lehrer Emmerich „Papa“ Teubler – ein echter Vordenker der Friedenspädagogik. Er setzte sich besonders für interreligiöse Öffnung ein, und machte die Pfadfinder zu einem Ort des Miteinanders, nicht des Ausschlusses.
In der Zwischenkriegszeit waren die PfadfinderInnen in Österreich eine wichtige zivilgesellschaftlichen Jugendbewegung. Sie standen für Demokratie, Gemeinschaft und soziales Engagement – in klarer Abgrenzung zu autoritären Jugendorganisationen.
Dunkle Zeiten:
Verbot im Nationalsozialismus
Mit dem „Anschluss“ 1938 wurde alles anders:
Die Pfadfinder wurden verboten. Ihre demokratische und internationale Ausrichtung war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Die Hitlerjugend übernahm, was an Jugendorganisation noch übrig war – mit Zwang und Uniform, Drill und Ideologie.
Pfadfinderführer wie Papa Teuber oder auch Franz Schückbauer wurden verfolgt, weil sie Juden waren, oder weil sie sich weigerten, ihre Ideale zu verraten. Viele Gruppen gingen in den Untergrund. Einige ehemalige Pfadfinderinnen und Pfadfinderleisteten sogar Widerstand gegen das Regime – mit dem Mut, der aus Überzeugung wächst.
Ein starkes Zeichen:
Das Jamboree in Bad Ischl 1951
Nach dem Krieg kam der Neuanfang. 1951 wurde im oberösterreichischen Bad Ischl das erste Weltjamboree nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden veranstaltet.
Über 12.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinderaus mehr als 60 Ländern kamen zusammen – auch aus ehemals verfeindeten Nationen.
Das Motto lautete: „Jamboree of Simplicity“ – schlicht, aber stark.
Ein Symbol für Frieden, Versöhnung und den festen Glauben daran, dass Begegnung heilt, was Krieg zerstört hat. Und Österreich war mittendrin – nicht als Randnotiz, sondern als Brückenbauer zwischen den Welten.
Warum das heute noch zählt
Auch heute ist Frieden kein Selbstläufer. Wir leben in einer Welt, die von Krisen, Kriegen und Ungleichheit gezeichnet ist. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass es Menschen gibt, die sich für Verständigung, Dialog und Engagement starkmachen.
Wenn du dein Halstuch trägst, trägst du ein Stück Geschichte mit dir – und zugleich ein Versprechen an die Zukunft: Du willst mitgestalten, verantwortlich handeln und nicht wegschauen.
Wir tragen unser Halstuch mit Stolz! Nicht nur am 1. August – aber besonders dann.
© Bildernachweis: ‘Bear Grylls’ by Jamie Gray, Wikipedia | Lizenz: CC 2.0 Generic
Quellen und weiterführende Links: Pfadfinder in Österreich – 1938 Mitgelaufen? Angepasst? Verfolgt? – Broschüre ( PDF ) | Wer war Emmerich ‘Papa’ Teuber? – scout.at – Wikipedia | Jamboree Bad Ischl: Pfadfindermuseum | Wikipedia
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- Bild: Jamie Gray @ wikipedia
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