- Klaus Hollinetz, JAM Red.
- JAM 72, JAM-Magazin
~ Manchmal ist es gar nicht so einfach, den richtigen Weg zu finden. Kompass und Karte helfen im Wald, aber was tun, wenn der Weg durch den Dschungel der Meinungen führt? Da gibt’s keine Wegweiser, nur Hashtags, Schlagzeilen und Shitstorms. Ein Tochter-Vater-Dialog zeigt, dass zur Orientierung nicht immer nur google-maps hilft, sondern manchmal einfach ein gutes Gespräch. ~
Ein Tochter-Vater-Dialog über Gerechtigkeit, Gender und Gehirnverknotungen
Küche, Samstagmorgen. Der Vater gießt Kaffee ein, die Tochter (17) sitzt mit Avocado-Toast und einem leicht genervten Blick am Tisch.
Tochter:
Papa, kannst du bitte aufhören, ständig „Mädels“ zu sagen, wenn du meine Freundinnen meinst?
Vater:
Wieso? Ich hab euch doch alle gern. „Mädels“ klingt doch sympathisch.
Tochter:
Das ist nicht woke!
Vater:
Aha. Und was ist woke – ausgeschlafen?
Tochter (seufzt):
Nein, Papa. Woke heißt, dass man sensibel für Ungerechtigkeiten ist – gegen Rassismus, Sexismus, Diskriminierung.
Vater:
Dann bin ich ja schon fast woke. Ich war früher auch bei den Pfadfindern 😉.
Tochter:
Das ist kein Zertifikat! Es geht ums Bewusstsein!
Vater:
Na, dann bin ich wohl „leicht wach“. Halb-woke sozusagen.
Tochter (lacht):
Eher „schläfrig kritisch“.
Vater:
Aber sag mal: Wenn man jetzt alles dauernd ändern muss – Sprache, Werbung, Schulbücher – wird das nicht irgendwann komplizierter als eine Steuererklärung?
Tochter:
Das ist ja der Punkt! Wir müssen alte Strukturen aufbrechen. Sprache verändert Denken.
Vater:
Ich finde es manchmal trotzdem nervig, wenn man gecancelt wird, weil man versehentlich „Lehrer“ statt „Lehrperson mit multipler Berufsidentität“ sagt.
Tochter (rollt mit den Augen):
Papa, du verstehst das Prinzip nicht.
Vater:
Doch! Ich versuch’s – aber manchmal hab ich das Gefühl, woke sein heißt, ständig Angst zu haben, was Falsches zu sagen. Ich glaub auch, manche fühlen sich einfach provoziert von zu viel „Wokeness“. Kaum geht’s um Sprache, Klima oder Diversität, fühlen sie sich gleich belehrt – und in ihren Medienblasen ziehen sie dann ordentlich drüber her.
Tochter:
Ja, das stimmt schon. Aber weißt du, Papa – oft fühlen sich Leute nicht wegen der Wokeness provoziert, sondern weil sie merken, dass die Welt sich verändert, und sie selbst vielleicht nicht mehr ganz mitkommen.
Dann ist’s leichter, sich über „die Woken“ lustig zu machen, als sich ehrlich zu fragen, warum man sich so angegriffen fühlt.
Vater:
Also eher Abwehr aus Unsicherheit?
Tochter:
Genau. Manche verwechseln „ich fühle mich kritisiert“ mit „man will mir was verbieten“. Und in ihren Online-Bubbles wird das dann hundertfach bestätigt. Da entsteht schnell so ein „Wir gegen die da“-Gefühl.
Vater:
Ein Feuerchen brennt halt schöner, wenn man Feindbilder hineinschmeißt.
Tochter (nachdenklich):
Hm. Ja, da ist was dran. Nur blöd, dass es am Ende alle verbrennt, die eigentlich dasselbe wollen – Respekt, Gerechtigkeit, eine halbwegs friedliche Welt.
Vater:
Eben! Vielleicht sollten wir einfach wieder mehr miteinander reden – auch über unbequeme Dinge. Ohne gleich alles zu „canceln“ oder zu „liken“.
Tochter:
Oder kurz gesagt: weniger klicken, mehr denken.
Vater:
Also ich mach mir ja auch so meine Gedanken – zum Beispiel über diese Influencer, die gleichzeitig gegen Sexismus reden und dann halbnackt Smoothie-Werbung machen.
Tochter:
Das nennt man Empowerment!
Vater:
Früher hieß das Bikini-Kalender.
Tochter (lacht):
Papa! Es geht um Selbstbestimmung! Frauen dürfen sich zeigen, wenn sie wollen.
Vater:
Also ist woke, wenn alle dürfen, was sie wollen – außer ich sag „Mädels“?
Tochter (grinst):
Fast richtig. Woke ist, wenn du reflektierst, warum du’s sagst.
Vater:
Na gut. Dann reflektier ich jetzt. (nimmt einen Schluck Kaffee) Ich sag „Mädels“, weil’s kürzer ist als „junge Frauen, diverse Personen und sonstige wundervolle Wesen deiner Generation“.
Tochter (lacht laut):
Okay, das war woke mit Humorbonus.
Vater:
Schau, ich finde ja, „woke“ zu sein ist grundsätzlich was Gutes – achtsam, gerecht, solidarisch.. Solange du mich nicht cancelst, wenn ich wieder was Altmodisches sag.
Tochter:
Keine Sorge, Papa. Ich cancel dich nicht. Ich bild‘ dich weiter.
Vater:
Klingt anstrengend auf meine alten Tage. Ein ewiges „work in progress“.
Tochter:
Oder besser: „woke in progress“.
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